Suchtprävention
Wenn wir über Suchtprävention sprechen, denken viele noch immer zuerst an Substanzen wie Alkohol, Cannabis oder Medikamente. Doch diese Sicht greift zu kurz. Sucht beginnt selten mit einer Substanz. Sie beginnt oft viel früher – mit innerem Druck, Überforderung und dem Gefühl, nicht zu genügen.
Depressive Entwicklungen bei Jugendlichen sind selten isoliert zu betrachten. Sie entstehen nicht aus individueller Schwäche, sondern häufig aus einem anhaltenden Missverhältnis zwischen inneren Bedürfnissen und äußeren Erwartungen.
Zwischen Schule, Social Media und Zugehörigkeit: Belastungen, die unsichtbar bleiben
Jugendliche bewegen sich in komplexen sozialen Gefügen: Familie, Schule, Peergroup und digitale Räume wirken gleichzeitig auf sie ein. Identitätsfindung, Leistungsanforderungen, soziale Zugehörigkeit und digitale Selbstinszenierung verdichten sich zu parallelen Entwicklungsaufgaben. Fehlen emotionale Sicherheit, Resonanz und stabile Beziehungserfahrungen, entsteht ein innerer Spannungszustand, der häufig nicht benannt werden kann.
Funktionieren als Risiko: Emotionsregulation und der Weg in die Abhängigkeit
Viele Jugendliche reagieren darauf mit funktionaler Anpassung. Sie erfüllen Erwartungen, regulieren Gefühle nach innen und bleiben nach außen leistungsfähig. Gerade diese Anpassungsleistung wird gesellschaftlich oft positiv bewertet – aus präventiver Perspektive stellt sie jedoch ein erhebliches Risiko dar.
Unterdrückte Emotionen verschwinden nicht. Sie suchen nach Regulation. Substanzen oder exzessive Verhaltensweisen übernehmen in diesem Kontext häufig eine Funktion: Sie beruhigen, dämpfen, aktivieren oder vermitteln kurzfristig Kontrolle. In meiner therapeutischen Arbeit zeigte sich immer wieder, dass Jugendliche selten „aus Langeweile“ konsumieren. Häufig geht es um Emotionsregulation, um das Überdecken von Selbstzweifeln oder darum, Leistungsfähigkeit trotz innerer Erschöpfung aufrechtzuerhalten. In dieser Hinsicht erinnere ich mich sehr eindringlich an bestimmte Klientenfälle aus meiner therapeutischen Arbeit. So auch eine junge Pflegefachkraft etwa, die über Monate hinweg ihre Nachtdienste nur noch mithilfe von Medikamenten durchstand und daraus eine Abhängigkeit entwickelte. Oder eine leistungsstarke Schülerin, 17 Jahre alt, die unter massivem schulischen und familiären Erwartungsdruck stand und nicht verschriebene ADHS Medikamente nutzte, um Prüfungsangst zu dämpfen und das Lernen bis in die Nacht hinein “durchzuhalten”. Gerade leistungsstarke und angepasste Jugendliche bleiben dabei lange unauffällig – weil sie funktionieren.
Prävention, die wirkt: Beziehung, Sprache und digitale Zugänge
Zeitgemäße Suchtprävention setzt deshalb nicht erst beim Konsum an, sondern bei emotionaler Sprachfähigkeit, Beziehungsqualität und Selbstwirksamkeit. Jugendliche brauchen Räume, in denen Ambivalenzen ausgesprochen werden dürfen. In denen Scheitern nicht mit Wertverlust gleichgesetzt wird. In denen Überforderung benannt werden kann, ohne dass sofort bewertet oder korrigiert wird.
Digitale Präventionsangebote können hier eine wichtige Brücke schlagen. Sie erreichen Jugendliche niedrigschwellig, anonym und ohne Stigmatisierung. Gleichzeitig bieten sie Fachkräften und Eltern Orientierung in einem Feld, das häufig von Unsicherheit geprägt ist: Wann ist etwas noch entwicklungsbedingt – und wann beginnt eine problematische Dynamik?
Suchtprävention bedeutet daher mehr als Aufklärung über Risiken. Sie bedeutet Beziehungsgestaltung. Sie bedeutet, Druck sichtbar zu machen, bevor er sich in Symptomen ausdrückt. Und sie heißt, Jugendliche nicht auf ihr Verhalten zu reduzieren, sondern auf ihre Bedürfnisse zu schauen.
Wenn wir über Depression im Jugendalter sprechen, sprechen wir folglich nicht nur über ein psychisches Störungsbild. Wir sprechen über eine gesellschaftliche Realität, in der Selbstwert zunehmend an Leistung gekoppelt wird.
Vielleicht ist die unbequeme Wahrheit diese: Solange wir das Funktionieren höher bewerten als das Fühlen, werden wir weiter Symptome behandeln – statt Ursachen zu hinterfragen. Eine wirksame Suchtprävention beginnt deshalb nicht bei der Substanz. Sie beginnt bei der Frage, welchen Druck wir jungen Menschen zumuten – und was wir bereit sind, daran zu verändern.
geschrieben von
Rebekka Dickhardt

