Zu jung für Drogen? Leider nein.

Warum Prävention früher beginnen muss, als viele Erwachsene denken
Im letzten Beitrag haben wir gezeigt, wie niedrigschwellig Jugendliche heute mit Drogenangeboten in Kontakt kommen können. Doch eine andere Frage ist mindestens genauso wichtig: In welchem Alter beginnen Jugendliche eigentlich, Cannabis und andere Substanzen auszuprobieren? Die Daten zeigen kein pauschales Bild einer Generation, die immer früher Drogen konsumiert. Sie zeigen aber, dass erste Erfahrungen bereits in einem Alter stattfinden können, in dem Eltern, Schulen und Fachkräfte das Thema häufig noch nicht auf dem Schirm haben.

Erste Erfahrungen beginnen früher, als viele denken

Laut Drogenaffinitätsstudie 2023 des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit haben 8,3 Prozent der 12- bis 17-Jährigen in Deutschland bereits Cannabis ausprobiert. 6,7 Prozent konsumierten innerhalb der vergangenen zwölf Monate. Mit anderen illegalen Drogen hatten 1,5 Prozent dieser Altersgruppe bereits Erfahrungen.

Auch europäische Daten zeigen, dass erste Konsumerfahrungen teilweise sehr früh stattfinden. In der ESPAD Studie 2024 berichteten 2,4 Prozent der befragten 15- und 16-Jährigen, Cannabis bereits mit 13 Jahren oder früher konsumiert zu haben.

Die Zahlen machen deutlich, dass Drogenkonsum bei sehr jungen Jugendlichen zwar nicht die Regel ist, erste Erfahrungen häufig aber schon stattfinden, bevor die klassischen Präventionsangebote einsetzen.

Immer jünger ist nur unser Gefühl

Ein Blick auf die langfristige Entwicklung ist wichtig, denn die Daten zeigen nicht, dass Jugendliche grundsätzlich immer früher oder häufiger illegale Drogen konsumieren. Europaweit ist der Anteil der 15- und 16-Jährigen mit Erfahrungen mit illegalen Drogen sogar zurück gegangen. In der ESPAD Erhebung sank er von 19 Prozent im Jahr 2015 auf 14 Prozent im Jahr 2024.

Für die Prävention ist deshalb weniger entscheidend, ob sich das Einstiegsalter insgesamt nach unten verschiebt. Wichtiger ist, dass ein Teil der Jugendlichen sehr früh mit entsprechenden Angeboten in Berührung kommt.

Gespräche im Freundeskreis, Musik, Social Media und eine hohe wahrgenommene Verfügbarkeit, können das Thema schon relevant machen, bevor tatsächlich konsumiert wird. Prävention sollte deshalb nicht auf einen vermeintlich richtigen Zeitpunkt warten.

Früher Konsum verdient besondere Aufmerksamkeit

Je jünger Jugendliche sind, desto wichtiger ist es, die Gründe hinter einem Konsum zu verstehen. Neugier, Zugehörigkeit und das Austesten von Grenzen gehören zum Jugendalter. Substanzen können aber auch genutzt werden, um Stress, Unsicherheit oder unangenehme Gefühle zu regulieren.

Für Fachkräfte und Eltern ist deshalb nicht nur die Frage wichtig, was konsumiert wird. Entscheidend ist auch, warum ein Jugendlicher konsumiert.

Gerade wenn Alkohol, Cannabis oder Medikamente regelmäßig dazu dienen, abzuschalten, besser zu schlafen oder Probleme auszublenden, sollte genauer hingeschaut werden.

Ein Bereich wird dabei häufig unterschätzt: Medikamente. Die europäische ESPAD Studie 2024 zeigt, dass 14 Prozent der befragten 15- und 16-Jährigen bereits Medikamente nicht medizinisch verwendet haben. Dazu zählen beispielsweise Beruhigungs- und Schlafmittel ohne ärztliche Verordnung sowie Schmerzmittel mit dem Ziel, eine berauschende Wirkung zu erzielen.

Nicht jedes Warnsignal sieht nach Drogenkonsum aus

Problematischer Konsum ist nicht immer offensichtlich. Manche Jugendliche werden auffällig, andere funktionieren in Schule und Familie zunächst weiter.

Deshalb lohnt es sich, Veränderungen im Gesamtbild wahrzunehmen. Rückzug, starke Stimmungsschwankungen, nachlassende Interessen, ungewöhnlicher Geldbedarf oder deutliche Veränderungen im Freundeskreis können Gründe sein, genauer hinzuschauen.

Keines dieser Merkmale beweist einen Konsum. Sie können aber ein guter Anlass sein, nachzufragen.

Dabei ist die Art des Gesprächs entscheidend. Wer mit einem Verdacht beginnt, erzeugt häufig Abwehr. Wer Interesse an der Situation des Jugendlichen zeigt, erfährt eher, was tatsächlich dahintersteckt.

Gute Prävention beginnt vor dem ersten Konsum

Prävention sollte nicht erst dann stattfinden, wenn Jugendliche bereits Erfahrungen mit Substanzen gemacht haben. Sie kann deutlich früher ansetzen und muss dabei nicht mit Abschreckung arbeiten.

Kinder und Jugendliche brauchen altersgerechtes Wissen über Wirkungen und Risiken. Gleichzeitig brauchen sie Strategien, um mit Gruppendruck, Stress und schwierigen Situationen umgehen zu können.

Für Eltern und Fachkräfte bedeutet das vor allem drei Dinge: früh ins Gespräch kommen, Veränderungen wahrnehmen und Konsum nicht isoliert betrachten. Hinter riskantem Verhalten steht häufig ein Bedürfnis, das verstanden werden sollte.

Früher hinschauen bedeutet nicht, Jugendliche früher zu verdächtigen. Es bedeutet, ihnen Wissen und Handlungskompetenz mitzugeben, bevor sie diese brauchen.

Genau darin liegt die Aufgabe moderner Suchtprävention.

geschrieben von

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Rebekka Dickhardt